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Wissenswertes rund um den Hund

Kastration und Verhalten beim Hund
von Sophie Strodtbeck // Udo Gansloßer

Kastration – ja oder nein?

–  Für Sie gelesen –

 
 
Das Buch „Kastration und Verhalten bei Hunden“ wurde von Fachtierärzten geschrieben und entspricht voll und ganz unserer überzeugten gedanklichen Einstellung auf Grund jahrzehntelangen Erfahrungen mit Hunden verbunden mit entsprechender Beratung in Sache Kastration. Siehe unseren Artikel zu Wissenswertes rund um den Hund und Hundeerziehung: „Dominanzverhalten und Kastrationen“.

Seit Jahrzehnten haben wir (mein Mann und ich) kastrierte Hunde beobachtet und dabei festgestellt, dass es Vielen davon an Selbstbewusstsein mangelte. Kastrierte Rüden rochen nach Hündinnen und wurden ständig vom anderen Rüden stark belästigt. Andere, als erwachsene Rüden kastriert, waren genauso wie vor der Kastration: an läufigen Hündinnen sehr interessiert oder neigten nach wie vor ,mit Gleichgeschlechtlichen zu rivalisieren. Zu jung kastrierte Rüden und Hündinnen blieben in ihrem Verhalten infantile und dessen Köpfe waren kleiner im Verhältnis zur Körpermasse, wurden nie ganz erwachsen und von anderen Hunden anders eingeschätzt mit entsprechenden Reaktionen.

Ende der 90iger Jahre fragte mich ein älterer Herr um eine Beratung, der in Besitz einer vier Monate „jungen“ Mischlingshündin war. Dieser Mann war vor seiner Pensionierung Chirurg. Während des Gesprächs sagte er plötzlich, dass seine Hündin einen Termin beim Tierarzt hat, um sie kastrieren zu lassen. Ich antwortete ihm, dass es bei einer Hündin mit vier Monaten nicht viel zu schneiden und herauszunehmen gäbe …. Auf diese Bemerkung reagierte er spontan mit: „dass stimmt!“. Dann erklärte ich ihm aus meiner Sicht die Folgen einer Kastration bezüglich negativer Auswirkungen für die körperliche und Wesensentwicklung des Hundes. Der ehemalige Chirurg stimmte mir sofort zu und schimpfte gleichzeitig über seinen Tierarzt, weil dieser auch sein langjähriger Freund war, von dem er sich nun übergangen fühlte. Darauf erklärte ich Ihm, dass es sicherlich keine Absicht von seinem Tierarzt gewesen wäre, ihn zu hintergehen, sondern er sah die OP wahrscheinlich aus der Sicht der Mediziner und nicht auch in der Sicht der Biologie, weil Hundewesen im erweiterten Sinn und Hundeverhalten nicht zu den Studienthemen eines werdenden Tierarztes gehörten.

Das alte Tierschutzgesetz regelte noch nicht das Amputieren vom Körperteilen und Kastrationen von Hunden und so wurde es zur Routine, alle Hunde in Tierheimen zu kastrieren, um einer unkontrolliertem Vermehrung entgegen zu wirken (nebenbei bemerkt, auch willkommenes OP- Praktikum von werdenden Tierärzten). Daher ist es bedauerlich, dass sich heute noch viele Tierärzten keine Gedanken darüber machen, Hunde ohne trifige Gründe zu kastrieren.

Das Buch „KASTRATION und Verhalten beim Hund“ bestätigt besser und fachlicher sinngemäß unsere Meinung und deswegen empfehlen wir gerne dieses Buch weiter – es ist einfach hilfreich und lesenswert . . .

 

 

Vorwort des Buches von Dr. Gerd Möbius
(Institut für Tierschutz, Tierhyhiene und Öffentliches Veterinärwesen der VetMedFakultät Leipzig, Juli 2011)

"Laut Tierschutzgesetz darf Tieren ohne vernünftigen Grund weder körperliches noch psychisches Leid und Schaden zugefügt werden. Im diesen Sinne sollen Hunde nur kastriert werden, wenn medizinische Notwendigkeit vorliegt. Sonst angewandte „routinemäßige“ Kastrationen in Tierheimen sind nach der letzten Formulierung des Tierschutzgesetzes niedergelegt.

„Die Kastration von Hunden, Hündinnen wie Rüden, ist eine in der Praxis sehr häufig durchgeführte Operation. Schaut man sich die Gründe für diesen schwerwiegenden Eingriff an, findet man neben der tatsächlich medizinischen Erkrankung (z. B. bei einer vereiterten Gebärmutter) den Wunsch, Verhaltensprobleme des Hundes nachhaltig zu lösen, möglichen zukünftigen Krankheiten vorzubeugen, die Fortpflanzung zu verhindern oder auch nur eine Haltungserleichterung zu erreichen (wie z. B. die Verhinderung der zweimal im Jahr auftretenden „lästigen“ Läufigkeit der Hündin.

Dabei erlebt man unter Hundehaltern, -trainern und Tierärzten immer wieder eine teilweise sehr kontroverse Diskussion über Vor- und Nachteile, medizinische Notwendigkeit und mögliche Auswirkungen der Entfernung der Keimdrüsen im Rahmen der Kastration.

Der Gesetzgeber hat mit dem Tierschutzgesetz einen sehr engen Rahmen für die Durchführung der Kastration gesetzt. Mit der Zielstellung, die Unversehrtheit von Tieren zu schützen, werden alle Amputationen verboten, bis auf wenige und im Gesetz einzeln aufgeführte Ausnahmen. Für die Kastration sieht das Tierschutzgesetz drei Ausnahmenregelungen vor. Während die Kastration zur Therapie einer bereits bestehenden Erkrankung (auch als indizierte Maßnahme im Rahmen einer Verhaltenstherapie) rechtlich unstrittig ist, wird dagegen dieser Eingriff zur Prävention möglicher zukünftiger Krankheiten nicht abgedeckt. Weiterhin lässt das Gesetz die Unfruchtbarmachung zu, wenn sie „zu Verhinderung der unkontrollierten Fortpflanzung“ sowie „zu weiteren Nutzung oder Haltung des Tieres“ vorgenommen wird und keine tierärztlichen Bedenken entgegenstehen.

Die Entscheidung für oder gegen eine Kastration erfordert dabei eine Einzelfallprüfung über die Verhältnismäßigkeit des Eingriffes. Dabei müssen Vor- und Nachteile für das Tier und dessen Halter abgewogen werden.

Bei der Abwägung ist auch stets zu beachten, dass unter den möglichen die für das Tier am wenigsten schädliche Maßnahme ergriffen wird. Eine Durchtrennung der Samen- oder Eileiter verhindert die Fortpflanzung ebenfalls, führt aber nicht zu den eventuell negativen Auswirkungen auf den Hormonhaushalt. Die wichtige Hormonproduzenten Ovar bzw. Hoden bleiben damit erhalten und können bei der hormonellen Steuerung wichtiger physiologischer Vorgänge und des Verhaltens weiterhin wirksam sein.

Bei der Einschätzung der Risiken bzw. Folgen durch eine Entfernung der Keimdrüsen wurde und wird oftmals nur über das unmittelbare Operationsrisiko sowie über mögliche gesundheitliche Folgenschäden diskutiert. Auswirkungen auf den Hormonhaushalt und damit auf das Verhalten des Tieres werden dagegen häufig ungenügend berücksichtigt oder bedingt durch die Komplexität auch falsch interpretiert bzw. prognostiziert.

Die Autoren zeigen in ihren Buch eindrucksvoll, wie kompliziert sich das Wechselspiel von Hormonen und Neurotransmittern darstellt und welche mögliche, teilweise auch „verheerende“ Wirkung das „Ausschalten“ einer bestimmten Hormonquelle nach sich ziehen kann. Die Ausswirkung auf das Verhalten erfordert eine konkrete Analyse des Einzelfalls. Als sinnvoll und verantwortungsbewusst kann sich ein „chemischer Probelauf erweisen“, der die Folgen der Kastration auf das Verhalten verdeutlicht, aber gleichzeitig auch eine Wiedererstellung der Ausgangssituation ermöglicht.

Das Buch ist sowohl Hunderhaltern, Hundetrainern, aber auch Verhaltenstherapeuten und Tierärzten zu empfehlen. Gerade die komplexen Wirkungsmechanismen der einzelnen Hormone sowie die möglichen Auswirkungen beim Eingriff in diese Regelkreise werden von den Autoren verständlich beschrieben und durch Beispiele verdeutlicht, so dass auch Nicht- Fachfrauen bzw. –Männer einen tiefen Einblick in den Hormonhaushalt von Fähe und Rüde erhalten. Letztendlich wird deutlich, was für ein schwerwiegender Eingriff eine Kastration bei Hunden beiderlei Geschlechts darstellt und welche Folgen sie haben kann.

Die Kastration – als Ultima Ratio – sollte als Einzelfallentscheidung auf der Grundlage einer gründlichen Abwägung der Vor – und – Nachteile und möglichen Auswirkungen sowohl unter medizinischen als auch Verhaltengesichtspunkten erfolgen.

Interessant in diesem Zusammenhang sind die Antworten der Teilnehmer an der Bielefelder Kastrationsstudie von Niepel aus dem Jahr 2002 auf die Frage, ob sie ihren Hund wieder kastrieren lassen würden. 34% antworten mit nein; 47% würden dies nur bei Vorliegen medizinischer Gründe oder bei gemeinsamer Haltung von Rüde und Hündin wiederholen. Lediglich 19% sprachen sich uneingeschränkt für eine Kastration aus. Und diese hatten das Büchlein noch nicht gelesen ….“

 

Eure Astrid Cordova

 

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